Geburtstagsglück

16.05.2019

Letzten Sonntag war ich zum ersten Mal bei einem Japanisch-Konversationskurs (besser spät als nie, oder?). Der japanische Opa, der mir zugeteilt wurde, und ich machten ein bisschen Smalltalk, bis er irgendwann meinte „In Japan gibt es ja einige kulturelle Besonderheiten, was davon interessiert dich denn besonders?“ Der gute Mann konnte kaum seinen Satz beenden, weil ich ihm wie irre entgegenwarf „KIMONO, ich liebe KIMONOOOHJZHJHHJ!!!“

Wenn ich auf der Straße oder in der Bahn alte Damen in Kimono sehe, muss ich dreimal tief durchatmen und mich zusammenreißen, dass ich sie nicht mit meinem Stalkerblick verschrecke.

Und als mir meine Arbeitskollegin letztens erzählt hat, dass sie einen Japaner geheiratet hat, war die erste Frage die mir einfiel „Hast du etwa im KIMONO GEHEIRATET???“

Ja, ich mag Kimono ziemlich gern und würde dieses Kleidungsstück gerne sehr viel öfter tragen, so richtig trauen tu ich mich aber nicht. Als Ausgleich hänge ich in Secondhandshops in der Kimonoabteilung ab und stalke Frauen, die regelmäßig Kimono tragen, im Internet. Eine davon ist Stasia, eine junge Polin die schon jahrelang in Japan lebt, an einer Kimonoschule studiert und (jetzt kommt’s!) sich vor kurzem mit Kimono-Fotoshootings selbstständig gemacht hat. Eigentlich bin ich so gar nicht der Mensch für Fotoshootings, ich komme mir beim Posieren für Fotos bescheuert vor und gefalle mir selbst auf Fotos zu 93% so ganz und gar nicht. Nachdem Stasia im Internet von ihrer Selbstständigkeit erzählt hatte, ertappte ich mich auf einmal täglich dabei, wie ich ihre ersten Kund*innen beneidete und heimlich von Pärchenfotos mit Lieblingsjapaner im Kimono träumte. Ja genau, die von der ganz kitschigen Sorte. Aber manchmal muss halt auch einfach mal ein bisschen Kitsch sein, oder?

Und so entschied ich mich, alle Selbstzweifel und Vorurteile gegenüber kitschig-gestellten Fotoshootings über Bord zu werfen, den Lieblingsjapaner zu bequatschen und mir zum Geburtstag mein ganz eigenes Kirschblüten-Kimono-Pärchenshooting zu wünschen. Weil der Lieblingsjapaner nicht umsonst mein allerliebster Japaner ist (und wahrscheinlich auch, weil er hoffte, dass ein Tag im Leihkimono mich zumindest kurzzeitig davon abhält seine Wohnung weiter mit Secondhandkimonos vollzuhängen) stimmte er schließlich zu und machte mir das allerbeste Geburtstagsgeschenk seit Menschengedenken.

So fuhren wir drei Tage nach meinem Geburtstag, pünktlich zur Vollblüte der Kirschbäume, zu Stasia nach Hause. Ich mit schwitzigen Händen, der Lieblingsjapaner zumindest nach Außen hin ganz entspannt. Dort angekommen wurden wir in ihr ganz eigenes KIMONOANKLEIDEZIMMER (♥♥♥!!!) geführt, in dem sie seit Jahren authentisch-antike Kimono zusammengesammelt hat. Dort lagen schon die Kimono bereit, die Stasia ausgehend von meinen Wünschen via Mail ausgewählt hatte. In Lichtgeschwindigkeit wurden wir zugeschnürt und eingewickelt (Ich wünschte ich könnte das so schnell. Ich muss mir für jeden Kimono gefühlt einen halben Tag frei nehmen..) und nebenbei noch über alle möglichen Geschichten und Fakten rund um Kimono und seine Bestandteile aufgeklärt. (Ich bin immer noch neidisch, dass die Gute tatsächlich an einer Kimonoschule studiert) Danach ging es bewaffnet mit Riesenkamera und allerlei Requisite nach draußen. Wie durch ein Wunder (naja, oder auch einfach weil sie ihren Job kann) beseitigte Stasia in kürzester Zeit jegliche Unsicherheit unsererseits und wir konnten gar nicht mehr anders als übers ganze Gesicht grinsen. Ich und der Lieblingsjapaner stehen uns in Sachen Unfähigkeit vor der Kamera normalerweise in nichts nach, wie sie es geschafft hat, dass wir auf den Bildern wie zwei professionelle Poser aussehen, ist mir immer noch ein Rätsel. Die gute Dreiviertelstunde in der wir draußen waren, verflog viel zu schnell und wir mussten den Kimono schon wieder ablegen. Am liebsten wäre ich so den ganzen Tag mit Lieblingsjapaner durch die Stadt flaniert :) (Ich finde sowieso der Lieblingsjapaner sollte viel öfter Kimono tragen. Sieht er nicht soooooooo super duper wunderbar unglaublich cool aus??!?!?!?!?)

Einen Monat später hatte ich dann auch die überarbeiteten Fotos in meinem Postfach und konnte gute drei Tage nichts mehr anderes machen als an meinem Handy zu hängen und wieder und wieder alle Fotos durchzuklicken. Zwischenzeitig hatte ich dann doch ein wenig Angst, dass die Fotos bzw. Ich mir nicht gefallen würde, aber diese Angst war glücklicherweise unbegründet.

Ja, die Fotos sind gestellt und ja, sie sind kitschig. Aber ich könnte mir kein schöneres Andenken an diese 7 Monate in Japan mit Lieblingsjapaner vorstellen :) 

 

Wer jetzt auch Lust auf Kimonofotos hat, kommt hier und hier zu Stasias Internetauftritt. 



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